Besser tot als nie

Eine englische Kriminalserie

116) in Freiheit

Als wir die Treppen wieder hinaufgestiegen waren, schlugen wir die Türe ein. Wir sahen ziemlich verdreckt aus und der Hohn unserer Berufskollegen war uns sicher. Johansson und ich gingen zu Samantha, die uns in ihrem Büro bereits zu erwarten schien. Sie lächelte triumphierend. Neben ihr stand Clara, die sich vom grauen Mäuschen zur Schönheit gemustert hatte.

„Wie schön, dass Sie endlich klar sehen, Mr. Johansson. Und schön, dass Sie uns helfen werden.“
Samantha schickte die anderen Detektive davon, obwohl sich die meisten von ihnen lauthals beklagten. Johansson machte sich dran, den Mörder von Susie Moreno zu finden und Belle und ich halfen ihm dabei.

Es wundert wohl niemanden, dass er nach über 15 Jahren herausfand, wer das arme Mädchen getötet hatte. Mutter und Vater Moreno verzichteten darauf, ihm ein Gehalt zu zahlen, da sie ohnehin der Meinung waren, dass er nicht anderes als seine Schuld einzulösen hatte.
Aber das ist eine ganz andere Geschichte.

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115) Die Posse

„Lavinia, Sie werden es nicht glauben, was hier vor sich geht. Es ist einfach unglaublich. Ich war so dumm!“ Ich verstand kein Wort.
„Ich verrate Ihnen, was hier geschieht. Es geht nur darum, mich blosszustellen. Hier wird die unglaublichste Komödie aller Zeiten gespielt. Und ich bin darauf hereingefallen.“
„Erzählen Sie’s mir, Curtis. Bitte, ich komme um vor Angst und Neugierde.“

Er grinste.
„Zuerst die gute Nachricht. Es gibt hier keinen einzigen Toten. Das sollte uns doch mal glücklich machen. Und die meisten unserer Mitstreiter sind genauso dumm wie wir.“
„Dann verrate mir mal, warum wir hier wie geschnürte Sonntagsbraten herumsitzen, Curtis?“

„Ich werde dir als erstes eine kleine Geschichte erzählen. Vor ungefähr fünfzehn Jahren, ich befand mich ganz frisch in England, da bekam ich es mit einer Schauspieltruppe zu tun, die als Hobby in vornehme Villen einzubrechen pflegte. Ihr Oberhaupt war ein gewisser Harry Moreno. Er war nicht nur ein sehr begabter Variétekünstler, sondern auch ein vortrefflicher Schauspieler. Er verwandelte sich vor den Augen des interessierten Publikums in jede nur erdenkliche Person. Seine Frau hiess Lollo. Ihr Talent lag darin, dass sie altern konnte, wie sie wollte. Sie hatten drei Töchter, von denen eine ermordet wurde. Sie haben damals dem Richter, der den Mörder für unschuldig erklärte, geschworen, IHN zu richten. Ich arbeitete damals als Berater und habe ein Gutachten erstellt und bewiesen, dass der Angeklagte auf keinen Fall der Mörder des Mädchens sein konnte. Sie haben auch mir gedroht, dass ich ihre Rache zu spüren bekommen würde. Ich habe jahrelang nicht mehr dran gedacht, bis vorhin. Ich überlegte mir, wie es möglich war, dass sich Samantha und Clara so ähnlich sind. Dann bemerkte ich die tiefen Falten in Louises Gesicht und ich holte mir vor Augen, wie der zierliche Chinese aussah. Als ich dann den Angler sah und die Person, die Sie bedroht hat, war für mich alles klar. Das hier ist die angekündigte Rache. Alle Detektive haben sie nur für mich eingeladen. Ich sollte mich dumm und unfähig fühlen. Sie wollten mich demütigen.“
„Das ist eine seltsame Geschichte. Was geschieht jetzt?“

„Ich werde die Familie Moreno darum bitten, mir den Fall ihrer toten Tochter zu übertragen, damit ich ihn lösen kann.“

114) Im Schlafzimmer des toten Lords

Da wegen des Unwetters weder Polizei noch Arzt ins Haus kommen konnten, wurde Louises Leichnam in den Kühlraum gebracht, wo man sie so lange aufbahren wollte, bis man die Burg wieder gefahrlos verlassen konnte.
Der Abschied von Louise verlief kurz und unauffällig. Da die meisten Detektive ohnehin nur die Lösung des Falles im Kopf hatten, machten sich wohl die wenigsten Gedanken über ihre tote Berufskollegin. Wir drei allerdings kümmerten uns um Clara und machten uns gleichzeitig dran, herauszufinden, was denn nun wirklich in diesem seltsamen, alten Gemäuer passiert war.

Curtis und ich beschlossen, dass wir die Chance wahrnehmen wollten, durch die Burg zu streifen. Ich war mir sicher, dass wir irgendwo einen Schlüssel zum Tod des Burgherrn finden würden. Wir gingen noch einmal ins Schlafzimmer des Lords, wo ich systematisch damit begann, die Wände und Ritzen abzusuchen. Ich hatte schon beinahe aufgegeben, als ich neben der Bücherwand eine tiefe Einkerbung entdeckte, drauf drückte und eine in der Wand versteckte Türe mit einem leichten Quietschen aufging.

Curtis grinste mich breit an, als er meine Entdeckung bemerkte. Ich fühlte mich geschmeichelt.
Curtis holte aus einer Tasche eine kleine Lampe hervor und wir machten uns daran, die hinter der Türe hinabführende Treppe zu erkunden. Die Treppentritte knarrten bedrohlich unter unseren Füssen und ich fürchtete jeden Moment ins Nichts zu fallen. Nach ungefähr fünf Minuten waren wir unten angekommen. Wir gingen durch einen Gang weiter, bis wir ans Ufer eines unterirdischen Sees kamen. Auf diesem See, der wirklich gross war, befand sich ein kleines Boot, welches hin und her schaukelte. In diesem Boot sass ein langhaariger alter Mann, der in seinen Händen eine Angel hielt und zu fischen schien. Ich war so überrascht über diesen Anblick, dass ich lachen musste. Der Mann wurde sich uns gewahr, legte die Angel weg und nahm stattdessen die Ruder in die Hand und ruderte davon.

Nach diesem seltsamen Bild hatte ich ein ungutes Gefühl in der Magengegend, das auch nicht besser wurde, als ich hinter mir plötzlich den Lauf einer Pistole spürte.
„Mach keine Anstalten zu fliehen, du Flittchen“, flüsterte die Person.
Curtis drehte sich nach mir um und sah meinen Angreifer überrascht an.
„Aber …“, sagte er, dann sank er, von einem hinterhältigen Schlag getroffen, ohnmächtig zusammen.
Mir wurden die Augen verbunden, dann brachte man uns in einen abgelegenen Raum. Unsere Peiniger machten nicht mal den Versuch uns zu fesseln. Sie wussten wohl genau, dass es von hier keine Möglichkeit zu fliehen gab.
„Curtis“, sagte ich ängstlich, „wach auf.“
Er stöhnte.

113) Die tote alte Lady

“Wer ist das denn?” fragte ich.
„Die Ur-Ur-Ur-Grossmutter von Clara“, entgegnete Belle trocken.
„Wie konnte das denn passieren?“
„Sie war über 95, das alte Mädchen“, kicherte Belle.

Curtis sah sie etwas unfreundlich an.
„Belle“, begann er, „ich habe diesen Fall hier etwas auf die zu leichte Schulter genommen. Mittlerweile glaube ich, dass hier etwas sehr Ungewöhnliches vor sich her geht und wir auf der Spur sind. Die alte Mrs. Van Roth war dem Geheimnis wohl besonders nah auf den Fersen. Lassen Sie uns herausfinden, was sie wusste. Wir werden mit Clara reden und dann viel klarer sehen.“

Wir gingen zusammen ins Zimmer, wo Louise lag. Sie hatte wohl gerade ihr Mittagsschläfchen gehalten, als sie vom Tode ein- beziehungsweise abgeholt wurde. Sie lag zwar friedlich da, doch ihr Hals war blau gefärbt. Clara sass recht verloren und traurig neben ihr.

„Miss Clara, was genau ist geschehen?“, fragte Curtis sanft.
„Sie ist tot. Sie ist einfach eingeschlafen, so wie sie es sich immer gewünscht hat.“
„Sehen Sie, Clara, die Male auf dem Hals Ihrer lieben Verwandten? Das sind Würgemale. Sie starb nicht auf natürlichem Weg und ihre Gesundheit war die eines alten Rosses. Die hätte nichts so schnell umgeworfen.“

Clara heulte.
„Sie sind der erste, der das glaubt. Niemand sonst, der hier war, vermutet, dass sie ermordet wurde. Mein Gefühl sagte mir … doch ich dachte … das kann doch nicht sein … wer tut denn so was … sie war doch so alt!“
Er hielt ihr ein spitzenbesetztes Taschentuch, worin sie genüsslich schnäuzte.
„Miss Clara, jetzt müssen Sie sehr stark sein. Seien Sie sich unserer Hilfe gewiss. Wir werden herausfinden, wer ihr das angetan hat.“
Curtis zwinkerte mir freundlich zu, als er Claras Arm tätschelte und sie tröstete.
Als Samantha eintrat und unser gewahr wurde, trat sie zu uns hin und meinte lakonisch:
„Ich wusste doch, dass es nur etwas gibt, was Sie wirklich vom Gehen abhalten könnte, Ladies … Schade, dass erst jemand sterben musste …“
Mir lief es kalt den Rücken hinab.

112) Nicht Sherlock Holmes

Samantha MacMillan blickte uns neugierig zu.
„Wollen Sie denn nicht auch alles genauer anschauen?“
Wir schüttelten unisono die Köpfe.
„Nein“, antwortete Curtis, „wir ziehen es vor, unsere kleinen grauen Zellen zu benützen. Ich und meine Begleiterinnen zählen sich nicht zu den Anhängern des Mr. Holmes.”

Sie lächelte süffisant und schritt davon.
Eine Stunde später trafen sich wieder alle Detektive im Esssaal unten. Belle und ich hockten da und rauchten Zigarren. Wir taten dies nicht, weil wir es besonders liebten, sondern weil wir Fattie ärgern wollten. Dies gelang uns tadellos. Dieser lief knallrot an, als er uns erblickte, drehte auf dem Absatz um und ging wieder zurück in sein Schlafzimmer. Nun war Miss MacMillan an der Reihe, uns böse zu taxieren.
Die alte Dame liess durch ihr Sprachrohr, das heisst ihre Nichte Clara, verlauten, dass sie annehme, dass einer der Hausangestellten seinen Herrn ermordet habe. Die schwarzhaarige Frau, von der wir inzwischen wussten, dass sie Lupe Maharano hiess und aus Argentinien stammte, sog an ihrer Zigarette, die in eine Spitze geklemmt war. Sie schien sich, genau wie Belle und ich, über die Leute um sich zu amüsieren.
Clara schien es sichtlich zu geniessen, dass sie mit ihrer Rede im Mittelpunkt stand und ihr die meisten Detektive das Ohr liehen. Die alte Dame thronte neben ihr und schien genau zu überprüfen, ob die kleine auch ja das wiedergab, was sie ihr aufgetragen hatte. Ich mochte die nicht im geringsten.

Jeder der Detektive, also auch wir, hatte nun die Möglichkeit, sich unabhängig von Samantha und den anderen im ganzen Haus umzuschauen. Johansson schlug uns vor, dass wir uns in meinem Schlafzimmer treffen würden.
Der Hausdiener brachte uns eine Flasche Sherry, die wir rasch bis zur Hälfte austranken.
„Ich glaube, meine Damen, wir haben es hier mit einem der seltsamsten Fälle unserer Karriere zu tun. Ich bezweifle, dass der Lord von einem Hausangestellten getötet wurde. Ich bezweifle die Identität von Samantha MacMillan. Und ich muss sagen, dass mir das Essen hier nicht im geringsten schmeckt. Ich stelle die These auf, dass der Lord langsam verhungert ist, weil er weder Haggis noch das andere mochte.“

Belle prostete ihm zu.
„Curtis, Sie haben ja so recht. Wo sind wir hier? Was tun wir hier? Ich meine, warum müssen wir diesem Mädelchen helfen, dass sie ihr Erbe erhält? Sind wir etwa die Heilsarmee?“
Ich sprach einen Toast aus.
„Auf dass wir diesen Fall nicht auflösen müssen!“

Belle und ich waren gerade dabei, unsere Koffer zu packen, als Samantha Macmillan in der Tür stand und sagte:
„Bitte gehen Sie nicht. Sie wissen ja nicht, was Sie draussen erwartet! Es regnet seit Stunden, alle Bäche und Flüsse sind angeschwollen. Es ist waghalsig, jetzt das Haus zu verlassen. Wenn Sie mir helfen und den Fall aufklären, verspreche ich Ihnen, dass ich Sie reich machen werde!“
Ich blickte Belle durchdringend an.

„Ich glaube nicht, Miss, dass Geld und Reichtum überhaupt ein Mittel sind, um uns am Gehen zu hindern. Ich bin so reich, dass ich mir das Hobby, Morde aufzuklären, einfach so leisten kann. Ich brauche das Geld, das Sie noch gar nicht haben, nicht, Miss.“
Sie drehte sich wutentbrannt von uns ab und verschwand wieder im Flur.
„Der hast du’s aber gegeben, Lavie“, sagte meine Freundin.
Kaum recht hatte sie dies ausgesprochen, stapfte Curtis ungewohnt hastig in unseren Raum.
„Louise Van Roth ist tot.“

111) Samantha

Die junge Dame war in ein geschmackvolles Kleid aus indigoblauem Samt gehüllt. Sie lächelte sanft und stellte sich an den Kopf der Tafel.
„Meine lieben Freunde, ich freue mich, dass Sie nach dem Schauspiel von letzter Nacht trotzdem meine Gäste geblieben sind. Mein Name ist Samantha MacMillan. Ich bin die Nichte des letzten Lords of MacMillan. Ich habe Sie hierher gerufen, damit Sie alle mich bei der Lösung eines Rätsels unterstützen. Ich habe deshalb zu diesem ungewöhnlichen Mittel gegriffen, weil ich glaube, dass nur Sie alle zusammen mir helfen können. Mein geliebter Onkel starb vor ein paar Wochen und er hat wohl vorausgesehen, dass er ermordet werden würde. In seinem Testament beauftragt er mich, den Mörder zu finden. Falls ich versage, verliere ich mein ganzes Hab und Gut.“
Wir schauten uns alle ziemlich betroffen an. Die Kleine tat mir leid.

Der Viehtreiber erhob sich und blickte sie entschlossen an.
„Mein Name ist Abe Murray und ich darf von mir sagen, dass ich der beste Sheriff auf dem ganzen amerikanischen Kontinent bin. Mam, seien Sie sicher, mit meiner Hilfe werden Sie es schaffen, dass sie den Saukerl finden, der ihren alten Onkel abgemurkst hat.“
Samantha blickte ihn etwas betreten an.
„Vielen Dank für Ihre motivierenden Worte, Mr. Murray.“

Die Ur-Ur-Ur-Enkelin und Assistentin der alten Dame, Clara, stand ebenfalls auf und wollte etwas sagen, als der dicke Detektiv ihr zuvorkam.
„Miss MacMillan, ich glaube, dieser Fall verlangt eine besondere und übergeordnete Art von Intelligenz, wie sie Frauen gar nicht besitzen. Ich möchte Sie deshalb bitten, alle Damen wieder wegzuschicken. Ich finde es schrecklich störend, wenn ich mir Gespräche über gefärbte Pudel und Unterröcke anhören muss.“

Dabei blickte er strafend auf unsere Seite. Ich errötete, doch Belle wollte gerade auffahren, als Curtis ihr das Wort abschnitt.
„Meine Damen, meine Herren, wir sind hier, um dieser jungen, bemitleidenswerten Dame zu helfen. Legen Sie Ihre Vorurteile beiseite und lassen Sie uns anfangen, diesen Fall aufzuklären.“

Die meisten Anwesenden klatschten Curtis zu, nur Fattie Miller, der Mann, der Frauen nicht leiden konnte, sass da und machte ein grimmiges Gesicht.
Samantha MacMillan bat uns, ihr zu folgen und wir taten es. Wir gingen hinter ihr her, bis wir in einem riesigen Schlafzimmer standen.
„Hier ist mein Onkel ums Leben gekommen. Seine Türe war wie immer von innen abgeschlossen, ebenso die Fenster. Es gibt zwar einen Kamin, doch dieser wird nicht mehr benützt.“
„Wurde er erstochen?“ wollte ich wissen.
Sie schüttelte den Kopf.
„Er trug keine sichtbaren Verletzungen an sich. Er lag so da, wie er abends jeweils ins Bett stieg, die Hände über der Decke, das Haupt nach oben gerichtet.“

Bis alle auf ihre Art und Weise den Raum untersucht hatten, verging eine Weile. Belle und ich langweilten uns genüsslich. Die meisten Detektive schienen die Untersuchung recht ernst zu nehmen, vor allem die uralte Dame und Fattie. Beide waren recht verbissen. Curtis hingegen setzte sich zu uns hin, zündete sich eine Zigarette an und leistete uns Gesellschaft.

110) Eine harte Nacht und ein harter Morgen

Wir verbrachten den Rest der Nacht trotz des ohrenbetäubenden Lärms im Flur zu dritt in meinem Bett. Belle hatte ihren Kopf an meine linke Schulter gelegt und schnarchte sanft. Curtis schlief mit seinem Kopf in meinem Schoss und schnarchte nicht. Ich konnte nicht schlafen, denn mir schmerzte jeder Muskel im Leib, weil ich die ganze Zeit meine Freunde hielt. Von Zeit zu Zeit strich ich über Curtis’ Kopf. Die Nähe tat mir gut und mir wäre noch lieber gewesen, wenn ich die Nacht mit ihm alleine verbracht hätte.
Am nächsten Morgen trafen sich alle Detektive wieder in der Halle zum Frühstück. Ein Platz jedoch war nicht mehr besetzt. Es war jener Stuhl auf dem das spätere Opfer gesessen hatte. Ich wartete noch immer darauf, dass der Hausherr uns endlich seine Aufwartung machte, doch dieser bestand anscheinend weder auf Anstand noch auf Pünktlichkeit. Der Hausdiener und seine Gehilfen verteilten Tee und Brötchen. Dann erhielt jeder Detektiv als Lektüre erneut einen Umschlag.

„Liebe Miss Lavinia, letzte Nacht starb leider eine Ihrer werten Berufskolleginnen. Wenn Sie den geheimnisvollen Fall auflösen, hat das Morden endlich ein Ende. Ich setze die grössten Hoffnungen in Sie und alle Ihre Kolleginnen. Ihr Lord MacMillan“

Zwar machte mich dieses schwachsinnig hingekritzelte Zeugs kein Gramm schlauer. Ich hatte keinen blassen Schimmer, was der Mord an der Detektivin hätte bedeuten sollen. Ich nahm einen kräftigen Biss von meinem Stück Brot und schaute um mich. Schräg gegenüber sass ein unglaublich dicker Detektiv, der mit beiden Händen ass. Sein ganzes Gesicht war rötlich gefärbt und seine Nase glich einem riesigen Tunnel mit zwei Löchern. Er grinste mir freundlich zu und widmete sich sofort wieder seinem Essen.

Rechts neben mir sass eine uralte Frau, deren Hände und Gesicht von unglaublich tiefen Falten durchzogen waren. Sie schien mindestens hundert Jahre alt zu sein. Zähne hatte sie keine mehr, daher sog sie an jedem Bissen wie ein Schoppenkind. Neben ihr sass ihre Assistentin, die ein rosafarbenes kugelrundes Gesichtchen besass. Curtis verriet mir nebenbei, dass dies die Urururenkelin der Detektivin sei. Neben Belle sass eine Frau mit zwei riesigen und dünnen Hunden, denen sie immer wieder zweideutige Koseworte zuflüsterte. Der Mann neben Johansson schien nie recht zu wissen, wo er seine grossen Hände hinhalten sollte. Hin und wieder legte er diese in Curtis’ Schoss, was diesen dazu brachte, hin und wieder auf die Hände zu schlagen und ihn einen unerzogenen Burschen zu nennen.

Weiter unten am Tisch hockte ein Kerl, von dem Belle mir verriet, dass er ein amerikanischer Sheriff sei und fürs Leben gerne auf wilden Pferden und jungen Indianerinnen reite. Der Kerl war mir schrecklich unsympathisch. Hin und wieder setzte er sich seinen Viehtreiberhut auf und blickte die Frauen um sich sehr lasziv an. Sogar meine kleine Champagne hatte an der rechten Kralle mehr Ausstrahlung als der Amerikaner. Einzig ein zierlicher kleiner Mann mit Mandelaugen hinterliess einen einigermassen positiven Eindruck bei mir. Er stellte sich später als chinesischer Detektiv und Fachmann für Schmuggel und Drogenhandel vor. Er sah wirklich sehr anständig in seinem sorgsam aufgebügelten Anzug aus. Mit Mr. Koy, wie der Mann sich nannte, konnte ich mich sogar unterhalten. Er war nicht nur belesen, was sich durch seine geschliffene Sprache ausdrückte, sondern auch ein wahrer Kenner seiner Berufskollegen.

Curtis’ Aufmerksamkeit wurde auf eine junge, schwarzhaarige Schönheit gelenkt, die weiss Gott nicht wie eine Detektivin aussah. Sie trug ein schwarzes, spitzenbesetztes kurzes Kleid und lächelte süss. Ein wenig erinnerte mich ihr Gesicht an Theda Bara, doch ihre Augen waren glücklicherweise nicht so übertrieben geschminkt. Sie schien eine Ungarin zu sein, wie ich aufgrund ihres Akzents vermutete. Ich bin ganz ehrlich, es hätte mich nicht gewundert, wenn auch Graf Dracula an dieser Tafel Platz genommen hätte.

Der Hausdiener sah ebenfalls furchteinflössend aus. Zwar war er grossgewachsen und er hatte keine Narben in seinem Gesicht, aber seine Augen waren sehr kalt. Ich wunderte mich, dass sich niemand über den Tod der Frau äusserte. Belle und ich schwiegen geflissentlich, denn wir hatten absolut keine Ahnung, woran wir bei unseren Kollegen waren. In diesem Moment ging die grosse Flügeltüre auf und die Leiche von letzter Nacht schritt in den Saal. Ein lautes Flüstern ging durch den Raum.

109) Blut oder Marmelade?

Wir sassen an einer langen Tafel und warteten nun darauf, was passieren würde. Belle war etwas nervös. Wir hatten beide natürlich Frankenstein gelesen. Belle hatte fürchterliche Angst vor Robotern, während ich vergiftetes Essen erwartete. Die Fantasie ging mit uns beiden durch. Das Essen war gelinde gesagt vorzüglich. Ich konnte mich nicht erinnern, wann ich das letzte Mal in einem Privathaus in England oder Schottland so wunderbar gegessen hatte. Der Wein schmeckte köstlich. Ich rauchte mit Belle zum Ärger aller Tischnachbarn anschliessend eine dicke Zigarre. Der riesenhafte Hausdiener begleitete alle Schlafwilligen in ihre Zimmer. Ich war müde und fühlte mich so belämmert, dass ich noch im Sitzen einschlief.

Ein schriller Schrei weckte mich. Ich stürmte in den Flur.
Im Zimmer gegenüber lag eine tote Frau, erstochen. Das Messer steckte noch ihrem Bauch. Das ganze Bett war voller Blut. Belle stand neben mir und würgte.
„Das ist ja grauenvoll!“

Curtis erschien in einem aufsehenerregenden Aufzug; mit Schlafmütze und einem gestreiften Pyjama stand er da und beobachtete die Szenerie. Ich war froh, dass ich ihn bisher nie so gesehen hatte.
Ich war entsetzt.
„Warum hat sie sich nicht gewehrt?“

Ich zuckte die Schultern. Die französische Schabracke erschien neben mir und rammte mir ihre dürren Ellbögen in die Seite.
„Machen Sie mir ein wenig Platz, Sie Ding. Ich muss mich konzentrieren können.“
Neben ihr tauchte plötzlich der italienische Napoleon auf und untersuchte mit einer Lupe den Raum.
„Sag mal, Curtis, findet hier eigentlich ein detektivischer Wettkampf statt?“

Curtis blickte mich grinsend an.
„Was glaubst du, meine Liebe? Ist es dir hier etwa zu eng zum Überlegen?“
Ich bejahte dies und bot ihm und Belle an, sich in meinem Zimmer hinzusetzen. Wir schlossen die Türe und verhandelten darüber, was da eigentlich passiert war. Das heisst, Belle öffnete eine Flasche Whiskey und jeder von uns nahm einen Schluck.
„Ich vermute, die Frau ist nicht richtig tot und wir brauchen lediglich herauszufinden, was passiert sein könnte, wenn die Tote echt gewesen wäre“, referierte Belle eifrig.

„Meine liebe Belle“, fing Johansson an, „diese Tote war zweifelhaft echt. Haben Sie denn das Blut nicht gerochen? Dieser Geschmack ist derart unvergleichlich. Das kann niemand einfach so kopieren.“
„Iiieh!“ quiekte ich, “du habst doch nicht etwa Blut geleckt?“
Johansson sah mich nun mit unverhohlener Schadenfreude an.
“Du hast doch nicht etwa zuviel Wein getrunken, meine Liebe. Seit wann stellst du derart haarsträubende Theorien auf? Ich bin ein Fachmann in Sachen Mord und Totschlag. Ich brauche keine blutigen Finger abzulecken, nur um herauszufinden, ob es sich um Blut oder Marmelade handelt!“

108) Der Brief aus Schottland

Die Monate vergingen wie der Schnee in der Sonne und wir wurden alle älter.
Ich verbrachte die Mehrheit meiner Nächte und meiner Tage in Curtis’ Johanssons Bett, denn ich hatte ihn mehr als liebgewonnen und er mich auch. Curtis und ich trafen uns zum Nachmitttagstee und verbrachten die Abende mit Lesen und Diskutieren. Manchmal reisten wir gemeinsam herum, ich unterstützte ihn beim Lösen seiner Fälle und sorgte dafür, dass es ihm gut ging.
Belle hatte in der Zwischenzeit einen indischen Fürsten geheiratet und sich wieder scheiden lassen.

Ein bekannter Londoner Verlag hatte mich angefragt, ob ich nicht meine Kontakte zur Kriminalermittlerwelt nutzen und ein Buch schreiben wollte. Da ausschliesslich Brom über Curtis’ Fälle berichten durfte, konzentrierte ich mich auf Detektive, die nicht so bekannt waren. Allerdings muss ich sagen, dass die meisten von ihnen recht zweitklassige Ermittler waren. Die meisten kannten noch nicht einmal den Unterschied zwischen Strychnin und Arsen. Ein besonders eifriger Agent wollte mich dazu motivieren, ein Buch über „Jack the Ripper“ zu schreiben, doch dazu hatte ich nun wirklich keine Lust.
Dann geschah etwas Überraschendes. Belle, Curtis und ich bekamen unabhängig voneinander eine Einladung eines schottischen Lords, welcher uns eine Woche später auf seiner Burg erwartete. Er schrieb nicht besonders viel, nur dass sich der Besuch bei ihm für uns lohnen würde.
Da ich nichts Spannenderes vorhatte, beschloss ich hinzugehen. Belle erhoffte sich ein Abenteuer und Curtis machte den Vorschlag, uns beide zu begleiten.

Wir waren nicht schlecht überrascht, als wir erkannten, dass ausser uns noch mehrere andere Detektive auf dem Weg ins Schloss waren. Da war eine aufgetakelte französische Schrulle mit lila gefärbten Haaren und einem Yorkshire Terrier in derselben Farbe. Sie sah ziemlich extravagant aus. Sie trug ein knallgrünes Deux-pièces über ihrem dürren, alten Körper. Ihre Schuhe waren riesig und nach oben gebogen.
„Das ist Claudine Schuster“, flüsterte Curtis feierlich, „sie hat eine Reihe von Morden an alten Damen aufgedeckt. Keine kennt sich besser in Sachen unnatürliche Todesursachen aus als sie. Jeder in Frankreich kennt sie.“

Dann marschierte ein ziemlich kleiner dunkelhaariger Mann mit einem drolligen Gesicht an uns vorüber. Ich hatte schon einmal ein Bild von dem Kerl in einer Illustrierten gesehen.
„Das ist Giacomo da Silva, er hat einige Kunstraube in Rom aufgeklärt. Er ist der unbestrittene Fachmann in antiker Kunst. Nebenbei ist er ein unerbittlicher Ladykiller. Keine Frau unter 70 ist vor ihm sicher, wenn es um die Befriedigung seiner menschlichen Triebe geht.“

Curtis atmete tief ein.
„Jung müsste man nochmals sein – und Italiener.“
Wir wurden von einem hühnenhaften Hausdiener in den Rittersaal begleitet. Dort sahen wir noch viel mehr Detektive: Schwarze, Chinesen und sogar einen Maya. So weit das Auge reichte, sah man Detektive.
Jeder wurde an seinen eigenen, angeschriebenen Platz begleitet, wo ihn eine persönliche Grusskarte erwartete.
Auf meiner Karte standen folgende Worte mehr gekritzelt, denn geschrieben:

Liebe Miss Lavinia Morgan
Seien Sie herzlich willkommen in den Mauern meines Schlosses. Sie gehören zu den bekanntesten und besten Detektiven der Welt. Bitte seien Sie damit einverstanden, mir bei der Auflösung eines Mordfalles zur Seite zu stehen.
Ihr Lord MacMillan

107) Der Schatten

In diesem Moment klopfte es an die Türe und ein Schatten betrat den Raum. Annie kreischte laut und liess mich los.
Völlig fassungslos blickte sie ihn an. Es war Johansson und er lebte.
Ich griff mir an die Brust.
“Lavinia, liebes. Ich lebe”
Ich war nicht imstande, mich zu bewegen, geschweige denn zu weinen. Ich starrte ihn einfach nur an.
“Curtis.”

“Liebste Lavinia, ich bin so stolz auf dich. Du hast den Fall praktisch alleine gelöst. Ohne mich.”
Ich nickte und blickte ihn an.
Es gab nur noch ihn und mich.
“Benji ist nicht nur ein vorzüglicher Butler, sondern hat auch mal am Theater gearbeitet. Er kann wunderbar Todkranke schminken. Sie sind drauf reingefallen, Miss Wilkins. Und nun sind Sie an der Reihe. Man wird Sie hängen.“
„Aber du solltest tot sein, du dummer Mann!“
Curtis lächelte sie kühl und triumphierend an.
Annie blickte ihn trotzig an.

„Hast du mich denn nie geliebt?“
„Nicht einen einzigen Moment“, dann drehte er sich um, damit Brimsby und seine Männer die Frau festnehmen konnten. Sie machte keine Anstalten, zu entkommen und ging bereitwillig mit.
Ich blickte Curtis aus mittlerweile verweinten Augen an und umarmte ihn.
“Curtis!” Er umarmte mich auch und drückte mich fest an sich.
Ich weinte und verschmierte mit meinem Lidschaftten seinen teuren Anzug.
Aber das war egal.
Ich wusste plötzlich, wie sehr ich diesen wunderbaren Mann liebte.
Ich küsste ihn auf die Wange, woraufhin er lächelte.
“Von dir ist mir der Abschied am schwersten gefallen, meine liebe Lavinia.”
Nun küsste ich ihn auf den Mund.
Benji, Miss Bailey und Belle klatschten.
“Endlich!!”

Ein paar Jahre später, während Annie auf ihren Henker wartete, wurde sie von einem Fieber dahingerafft. Ich weinte ihr keine Träne nach.